Partizipation ist kein nettes Extra in der Jugendhilfe, sondern ein gesetzlich verankertes Recht. Nach § 8 SGB VIII haben Kinder und Jugendliche Anspruch darauf, an allen sie betreffenden Entscheidungen beteiligt zu werden. In einer Wohngruppe Jugendhilfe bedeutet das: Jugendliche gestalten ihren Alltag aktiv mit, anstatt ihn passiv zu erleben. Wie das in der Praxis gelingt, zeigt dieser Leitfaden Schritt für Schritt.
Echte Beteiligung Jugendlicher setzt voraus, dass Strukturen, Methoden und eine offene Haltung zusammenspielen. Die folgenden Schritte helfen pädagogischen Fachkräften dabei, Mitbestimmung in der Wohngruppe verbindlich und nachhaltig zu verankern, nicht nur auf dem Papier, sondern im gelebten Alltag.
Strukturen für Mitbestimmung im Alltag schaffen
Etabliere zunächst feste Formate, in denen Jugendliche regelmäßig zu Wort kommen. Ohne klare Strukturen bleibt Partizipation eine Absichtserklärung. Konkrete Gefäße wie Gruppenkonferenzen oder Hausversammlungen geben der Mitbestimmung in der Wohngruppe einen verlässlichen Rahmen.
- Lege einen festen Wochentag und eine feste Uhrzeit für die Gruppenkonferenz fest, an der alle Bewohnerinnen und Bewohner teilnehmen.
- Bestimme rotierende Rollen innerhalb der Gruppe: eine Person moderiert, eine hält Ergebnisse fest, eine achtet auf die Zeit.
- Formuliere gemeinsam mit den Jugendlichen einfache Gesprächsregeln, zum Beispiel: ausreden lassen, keine Bewertungen von Personen, nur von Themen.
- Halte die Teilnahme verbindlich, aber gestalte den Einstieg niedrigschwellig, etwa durch eine kurze Blitzlichtrunde zu Beginn.
Nach den ersten zwei bis drei Sitzungen wirst du merken, ob das Format angenommen wird. Ein gutes Zeichen: Jugendliche bringen von sich aus Themen mit oder erinnern aktiv an den nächsten Termin. Falls die Beteiligung schleppend startet, prüfe, ob der Zeitpunkt ungünstig liegt oder die Sitzung zu lang ist.
Themen und Entscheidungsbereiche gemeinsam festlegen
Kläre transparent, worüber Jugendliche tatsächlich mitentscheiden können und worüber nicht. Nichts untergräbt Vertrauen schneller als das Gefühl, Scheinbeteiligung zu erleben. Definiere deshalb von Anfang an klare Entscheidungsbereiche.
- Erstelle gemeinsam mit der Gruppe eine Liste möglicher Themenfelder: Freizeitgestaltung, Hausregeln, Essensplanung, Raumgestaltung, Ausflüge, Konfliktlösungen.
- Unterscheide offen zwischen drei Kategorien: Bereiche, in denen Jugendliche vollständig entscheiden, Bereiche, in denen sie mitreden und Empfehlungen geben, und Bereiche, die aus rechtlichen oder fachlichen Gründen beim Team liegen.
- Visualisiere diese Kategorien auf einem Plakat oder einer Tafel im Gemeinschaftsraum, sodass alle jederzeit nachschauen können.
Diese Transparenz schafft Orientierung und verhindert Frustration. Jugendliche, die wissen, wo ihre Stimme wirklich zählt, engagieren sich erfahrungsgemäß stärker als solche, die nicht einschätzen können, ob ihre Beiträge überhaupt Konsequenzen haben.
Methoden zur Beteiligung altersgerecht einsetzen
Wähle Methoden, die zum Entwicklungsstand und den Interessen der Jugendlichen passen. Eine Gruppenkonferenz mit Redebeiträgen funktioniert gut für ältere Jugendliche, jüngere Kinder brauchen oft spielerischere Zugänge. Partizipation in der Jugendhilfe ist dann wirksam, wenn die Form der Beteiligung nicht überfordert, sondern einlädt.
Methoden für jüngere Kinder (ab 6 Jahren)
- Stimmungsbarometer mit Smileys oder Farben, auf dem Kinder ihren aktuellen Zustand markieren
- Wunschbox, in die Kinder Zettel einwerfen, die dann gemeinsam geöffnet und besprochen werden
- Bildkarten, auf denen Aktivitäten oder Wünsche abgebildet sind und die Kinder auswählen oder sortieren können
Methoden für Jugendliche (ab 12 Jahren)
- World-Café-Format: Jugendliche wechseln zwischen Tischen mit verschiedenen Themen und hinterlassen schriftliche Ideen
- Abstimmungen per Punkten oder digitalen Tools für schnelle Entscheidungen wie Filmabend oder Ausflugsziel
- Zukunftswerkstatt für größere Themen wie die Gestaltung des Gemeinschaftsraums oder Wochenpläne
Probiere verschiedene Methoden aus und frage die Gruppe danach, was gut funktioniert hat. Methodenwechsel hält die Beteiligung lebendig und verhindert, dass Routinen zur leeren Pflichtübung werden.
Ergebnisse dokumentieren und sichtbar machen
Halte fest, was besprochen und entschieden wurde, und mache es für alle sichtbar. Dokumentation ist kein bürokratischer Akt, sondern ein Signal: Eure Stimme hat Gewicht und wird ernst genommen.
- Führe ein einfaches Gruppenprotokoll, das nach jeder Sitzung an einer zentralen Stelle ausgehängt wird, zum Beispiel am Schwarzen Brett im Flur.
- Notiere nicht nur Beschlüsse, sondern auch offene Punkte und die verantwortliche Person oder das Team, das sich darum kümmert.
- Überprüfe zu Beginn jeder neuen Sitzung gemeinsam, was aus den letzten Beschlüssen geworden ist.
- Nutze eine einfache Ampeldarstellung: grün für umgesetzt, gelb für in Bearbeitung, rot für noch offen.
Wenn Jugendliche sehen, dass ihre Entscheidungen tatsächlich umgesetzt werden oder zumindest eine nachvollziehbare Rückmeldung bekommen, warum etwas nicht möglich war, wächst das Vertrauen in den Prozess. Dieses Vertrauen ist die Grundlage für echte, langfristige Partizipation in der Jugendhilfe.
Beteiligung im Betreuungsalltag kontinuierlich verankern
Sorge dafür, dass Mitbestimmung nicht auf die wöchentliche Gruppenkonferenz beschränkt bleibt, sondern im gesamten Betreuungsalltag spürbar ist. Jugendliche Entscheidungen zu fördern bedeutet, ihnen auch in kleinen Momenten des Tages Handlungsspielraum zu geben.
- Beziehe Jugendliche in alltägliche Abläufe ein: Wer kocht heute mit? Wer übernimmt welchen Haushaltsbereich diese Woche?
- Führe individuelle Gespräche ein, in denen Jugendliche ihre persönlichen Ziele und Wünsche für den Hilfeprozess formulieren können, ergänzend zur Gruppenebene.
- Reflektiere im Team regelmäßig, ob Beteiligungsformate noch passen oder angepasst werden müssen, mindestens einmal im Quartal.
- Schulde den Jugendlichen ehrliche Rückmeldung, wenn Wünsche nicht umsetzbar sind, und erkläre konkret, warum.
Beteiligung ist ein Prozess, kein Zustand. Gruppen verändern sich, neue Jugendliche kommen hinzu, andere verlassen die Einrichtung. Überprüfe deshalb regelmäßig, ob die gewählten Strukturen und Methoden noch zur aktuellen Gruppe passen, und passe sie gemeinsam an.
Wie Lebensstift Partizipation in der Wohngruppe umsetzt
Bei uns, bei Lebensstift gGmbH, ist Beteiligung kein Zusatzangebot, sondern ein zentraler Bestandteil unseres pädagogischen Selbstverständnisses. Unser Motto „Du hältst den Stift, der dein Leben zeichnet, selbst in der Hand!“ bringt es auf den Punkt: Junge Menschen sollen ihr Leben aktiv mitgestalten, nicht nur begleitet werden.
Konkret setzen wir das in unseren Berliner Wohngruppen so um:
- Regelmäßige Gruppenkonferenzen mit rotierenden Rollen, in denen Jugendliche echte Entscheidungen treffen
- Individuelle Hilfeplanung, bei der jede und jeder Jugendliche eigene Ziele formuliert und einbringt
- Kreative Beteiligungsformate durch Kunst, Musik und Sport, die auch Jugendliche ansprechen, die sich verbal schwerer ausdrücken
- Transparente Dokumentation aller Gruppenentscheidungen, die für alle einsehbar ist
- Qualitätsorientierung nach DIN EN ISO 9001:2015, die auch Beteiligungsprozesse systematisch erfasst
Du möchtest mehr darüber erfahren, wie wir unsere Wohngruppen gestalten oder hast Fragen zu unserem Ansatz? Dann freuen wir uns auf deine Nachricht. Nimm gerne Kontakt mit uns auf, wir sind für Fachkräfte, Jugendämter und Familien gleichermaßen ansprechbar.
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